Anmerkungen des Regisseurs

DER VERDINGBUB ist eine einfache, schnörkellose Geschichte. Er nimmt Stellung, rüttelt auf gegen die Ungerechtigkeit, steht ein für Kultur und Zivilisation gegen die Viehhaltung von Menschen. Die Geschichte zeigt die Verlogenheit, die sich verbirgt unter dem Mantel des Althergebrachten - festhalten an Altem, um seine Vorteile zu behalten.

Da wird eine Schweiz gezeigt, die Angst hat vor Neuem. Das Alte wehrt sich gegen das Neue, ist rechthaberisch, gemein, hinterhältig. Das Neue ist die neue Lehrerin; Frau und erst noch unverheiratet. Sie steht ein für das Recht auf Bildung, dafür, dass Menschenrechte auch für Verdingkinder gelten. 1950 gehörte sie zu den Fortschrittlichen in diesem Land. Sie mussten die Zivilcourage noch mit der Kündigung bezahlen. Man ist froh, dass es sie gibt, diese Menschen, die ankämpfen gegen das Stumpfe, Primitive. Die Lehrerin ist so ein Mensch; und Max ebenfalls, der sich auflehnt, sich wehrt, der verzweifelt versucht nicht Opfer zu sein und letztendlich seinen Weg findet.
Es ist also die Geschichte von einem der lernt zurechtzukommen. Es ist aber auch die Geschichte einer Leidenschaft, die einem beim Überleben hilft. Die Leidenschaft ist seine Musik, gehört seinem Instrument. Er schafft es, weil er was gefunden hat im Leben, das stärker ist, als das Unrecht. Und weil er mit seiner Musik davon erzählen kann.

Die Kamera historisiert nicht. Da soll es keine Distanz geben. Modern und unverkrampft schauen wir den Menschen zu. Ohne die Tragödie zu verraten, ist der Film auch leicht, unverkrampft. Es gilt den Spuren des Glückes genauso zu folgen, wie den Spuren des Unglücks.

Eine klare Geschichte, klare Bilder, deutliche Menschen. Nichts soll sie denunzieren. Jeder hat seine Probleme, seine Sicht auf die Dinge. Jeder hat aus sich heraus Recht.

Die Bösigerin beispielsweise macht die Abtreibung, weil sie Berteli helfen und schützen will. Und weils sie natülich sich und ihren Sohn damit schützt. Sie ist da ganz praktisch und nimmt die Dinge in ihre Hand. Sie ist nicht böse. Sie ist nur hart geworden, weil sie kein Glück gefunden hat mit ihrem Mann.

Oder der Bösiger. Der ist kein stumpfer Säufer. Er leidet, weil er nicht zu ihr hinkommt, weil er sie nicht glücklich machen kann und weil die Dinge nicht so sind, wie er sie sich wünscht. Er gibt sich Mühe und hat Pech. Das ist ungerecht.

Der Film ist nicht düster, er ist farbig (im Emmental sind die Wiesen saftig, grün, die Natur ist üppig, der Himmel blau, die Gewitterwolken mächtig). Die Landschaft spielt mit, ist mit Hauptrolle. Immer wieder werden wir sie sehen, diese intakte Natur. Sie gibt dem Film die Schönheit. Max atmete in ihr auf, findet Sinn und Aufgabe im Bauern. Er steht gerne auf dem Feld, gibt sich Mühe, findet Anerkennung und Genugtuung durch körperliche Arbeit.

Max kommt auf den Hof der Bösigers. Dunkelmatt heisst der Ort; dunkel heisst nicht schwarz, meint nur, dass hier die Schatten länger sind, als sonst wo. Die Sonne steht flach, die Menschen stehen im Gegenlicht. Der Hof ist nicht verwahrlost. Man gibt sich hier Mühe – und hat Mühe. Es könnte eigentlich auch gut sein, wenn es nur das Pech nicht gäbe, diese grosse Ungerechtigkeit.

DER VERDINGBUB ist natürlich ein Drama: irgendwann nehmen die Dinge ihren unerbittlichen Lauf, wie bei einer griechischen Tragödie. Nicht düster soll das gezeigt werden, nur ernsthaft!

Verdingkinder

Meistens Waisen- und Scheidungskinder, wurden zwischen 1800 und 1950 von den Behörden den Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. In einigen politischen Gemeinden soll diese Praxis noch nach 1950 üblich gewesen sein. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten "wie Vieh abgetastet wurden". In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten. Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige fanden dabei den Tod. Misshandlungen wurden nur sehr selten verfolgt. Wenn solche behördlich festgestellt wurden, wurde den Pflegeeltern das Recht, neue Verdingkinder zu „erwerben“, für mindestens fünf Jahre entzogen. Neben der Verfolgung der Jenischen durch die Organisation "Kinder der Landstrasse", deren Kinder selbst häufig von verschiedenen Amtsstellen und (auch privatrechtlichen) Institutionen verdingt wurden, gilt die Verdingung als eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Erst in den letzten Jahren griffen die Medien dieses Thema intensiver auf, nachdem es lange Zeit verdrängt worden war.

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